Die Oberstufe in der Waldorfschule

Mit Beginn der 9. Klasse…

…gehören die Jugendlichen der Oberstufe an. Anstelle der langjährigen Begleitung durch die Klassenlehrer nehmen nun die verschiedenen Lehrer einzelner Fachrichtungen eine zentrale Rolle ein. Das Spektrum der Fächer erweitert sich.

Die Welt von heute ist in starkem Maße durch die Errungenschaften von Naturwissenschaft und Technik geprägt. Diesem Aspekt Rechnung tragend werden Biologie, Chemie, Physik und Geographie als eigenständige Epochen in allen Oberstufenklassen unterrichtet.

Dabei geht es weniger um ein Vermitteln isolierter, faktischer und modellgeprägter Wissensinhalte, als vielmehr um ein echtes Durchdringen naturwissenschaftlicher Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten, auch vor dem Hintergrund ihrer allgemeinmenschlichen, sozialen und gesellschaftlichen Konsequenzen.

Der Erkenntnisprozess beginnt dabei stets mit der exakten Wahrnehmung eines Naturphänomens. Der genauen Phänomenbeschreibung folgt die gedankliche Durchdringung, so dass das Erkennen der Gesetzmäßigkeiten als individueller Prozess von den Schülern erlebt wird.

Moderne Naturwissenschaft verlangt heute ein neues Denken, das den Menschen als Teil eines umfassenden Relationsgefüges versteht. Der spezifische Ansatz der goetheanistischen Naturwissenschaft versucht in diesem Sinne, die objektive Naturgesetzlichkeit mit den subjektiven Erkenntniskräften der Jugendlichen in einem aktiven Begegnungsvorgang zu verbinden.

Gleiches mit Gleichem zu heilen ist eine alte Weisheit. Man kann sagen, dass dieser Grundsatz auch dem Lehrplan der Waldorfschule in der Oberstufe zugrunde liegt. Ein Teil der Oberstufenzeit fällt in die so genannte Reifezeit, die Pubertät. Der Lehrplan und die Didaktik, z.B. im Fach Deutsch, versuchen nun, der jeweiligen seelischen Gestimmtheit der Jugendlichen zu entsprechen. Auf diese Art pädagogisch angesprochen soll es den jungen Menschen leichter fallen, sich aus den extremen Gefühlslagen herauszuarbeiten und die positiv aufscheinenden Ideale und Werte zu verfolgen. Die jungen Menschen sollen in sich entdecken und entwickeln, was ihr Lebensziel sein wird. Eigenständigkeit und Integrität sind die eigentlichen Lernziele. Hier aber darf der soziale Gedanke nicht fehlen. Das "Erkenne dich selbst" wird schließlich in der 11. Klasse ergänzt durch den Blick auf das Du, verdeutlicht durch die Frage des Parzival an seinen kranken Oheim: Was fehlt dir?

So gerüstet kann der junge Mensch am Ende seiner Waldorfschulzeit in der 12. Klasse sich der Aufgabe, sein Lebensziel zu finden, und der Frage nach dem Umgang mit der Liebe, mit Beruf und Geld, nach dem Bezug zu einer geistigen Welt, ganz bewusst stellen.

Das Oberstufenprofil als pdf

 
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